„Hätte nicht gedacht, dass es hier so grün ist“
Die zweite Laudato-si´-Werkstatt „Transformation auf ignatianisch“ fragte, was wir aus der Transformation des Ruhrgebiets für sozial-ökologische Transformationsprozesse lernen können.
Das Bild des Ruhrgebiets wandelt sich, in der Realität jedoch schneller als in den Köpfen der Menschen. Wo einst Kohle und Stahl die Umwelt und das Leben der Menschen dominierte, sieht es heutzutage deutlich grüner aus. Was sind zentrale Elemente dieser Transformation des drittgrößten urbanen Ballungsraums in Europa, nach London und Paris?
Als Kind des Ruhrgebiets und auf Basis seiner früheren Arbeit in der Erwachsenenbildung in einem Projekt zur Transformation des Ruhrgebiets, stellte Martin Schröder sechs Spannungsfelder der Transformation im Ruhrgebiet heraus, die auch für sozialökologische Transformation bedeutsam sind:
- Die Bedeutung von Langfristigkeit und Lernfähigkeit in (politischen) Planungen und Umsetzungen gegenüber dem Schielen auf einen kurzfristigen, persönlichen Erfolg;
- soziale Gerechtigkeit gegenüber sozialer Spaltung, mit der es keine nachhaltig gelingende Transformation gibt;
- die zukunftsorientierende Kraft von Wissenschaft und Innovation gegenüber Beharrungskräften;
- die Notwendigkeit von Zusammenarbeit gegenüber limitierendem Kirchturmdenken;
- ein Miteinander von Stadt und Natur gegenüber einer unwirtlichen Dominanz von Beton & Co. sowie reflektierte,
- zukunftsfähige Werte und Haltungen mitsamt konkreten Praxisorten gegenüber oberflächlichen Narrativen und Folklore.
Projekte wie die Renaturierung der Emscher,InnovationCity Bottrop oder der teilweise noch im Bau befindliche Radschnellweg durch das Ruhrgebiet, veranschaulichten im Impuls den Wandel des Ruhrgebiets und die Bedeutung der Spannungsfelder.
Industrialisierung und Bevölkerungswachstum machten die Emscher zu einer Seuchen verursachenden Kloake, die im 20. Jahrhundert begradigt, einbetoniert, und reguliert werden musste. Es entstand ein unansehnlicher offener Abwasserkanal in einem Teil des Ruhrgebiets, der, auch wegen der Emscher und ihrer Zuflüsse, nicht gerade zur bevorzugten Wohnlage gehörte. Nun schafft ein neues Abwasserkanalsystem unterhalb der Emscher und ihrer Zuflüsse Abhilfe. Dieses für 5,5 Mrd. € gebaute System mit einem zentralen 51 Kilometer langen Kanal konnte 2021 nach 30 Jahren Bauzeit fertiggestellt werden. Nach 170 Jahren ist die Emscher wieder abwasserfrei. Kiebitz, Edelkrebs und Eisvogel siedeln sich (wieder) an, wertvolle Naherholungsräume entlang des wieder sauberen Flusses entstehen.
Das Projektgebiet der InnovationCity Bottrop liegt an der Emscher mit ca. 70.000 Einwohnern. In einem zehn Jahre dauernden Projekt mit einem Gesamtinvestionsvolumen von über 700 Mio. € konnten dort die C02-Emissionen, ohne den Verkehr, um die Hälfte gesenkt werden. Energieberatungen und Sanierungen für mehr Energieeffizienz bestehender Wohn- und Industriegebäude bei hohen Förderquoten waren dabei der zentrale Hebel.
Zugleich bleibt das Ruhrgebiet nicht ohne Herausforderungen und offene Baustellen. Zwar ist der Himmel über der Ruhr längst wieder blau, leider ist auch die politische Landkarte bei den letzten Wahlen blauer geworden. Ein Nebeneinander unterschiedlicher Lebenswelten und weiterhin bestehende Überlegungen zu Autobahnausbauten skizzieren manche Gefährdungen der sozialökologischen Transformation des Ruhrgebiets.
Im daran anschließenden Austausch übertrugen die Anwesenden die benannten Spannungsfelder auf Fragestellungen, denen sich der Jesuitenorden gegenüber sieht, wenn er im Hinblick auf die „Sorge um das gemeinsame Haus“ weitere Schritte gehen möchte: Im Ruhrgebiet wurde eine bestehende Transformationsherausforderung genutzt, um die Veränderungen, die mit diesem Strukturwandel sowieso einhergehen würden, sozial-ökologisch auszurichten. Dies bedurfte beträchtlicher Investitionen. Wie können diejenigen Investitionen in sozial-ökologische Transformationsprozesse, die sich in rein betriebswirtschaftlichen Bilanzierungen „nicht rechnen“ werden, dennoch als sinnvolle und nötige Investition sichtbar und begründbar gemacht werden?
Wie können Veränderungsprozesse so geframed werden, dass die Beteiligten darin Lösungen für ihre Probleme erkennen können? Wie können die mit Veränderungsprozessen verbundenen Ängste und emotionalen Verunsicherungen adressiert werden? Am Beispiel des Ruhrgebiets wurde deutlich, dass Transformationen langfristige Perspektiven brauchen und sich aus vielen kleinen Veränderungsprozessen zusammensetzen können.

