Das Problem

Die ökologische Krise, die wir erleben, stellt die Menschheit vor eine ungeheuer große Aufgabe: Wenn sie überleben will, muss sie eine neue Weise erfinden, den Planeten Erde zu bewohnen – ohne fossile Energie zu verwenden und ohne die „planetarischen Belastungsgrenzen“ etwa bei Klima­wandel, Arten­sterben oder Süßwasserverbrauch zu überschreiten.

Das Neue an dieser Situation ist, dass die ökologische Wirklichkeit dem politischen Handeln der Men-schen von außen Grenzen auferlegt und ihm einen extrem straffen Zeitplan vorgibt. Wir stecken in so genannten „Pfadabhängigkeiten“, d.h. die einmal eingeschlagenen Pfade verfestigen sich und es ist äußerst schwierig, später noch umzusteuern. Unser demokratisches System muss weiterentwickelt werden, um diese Herausforderung angehen zu können. Die Staatengemeinschaft hat sich 2015 in Paris auf ein sehr ambitioniertes Ziel festgelegt, nämlich die Klima-Erwärmung wenn irgend möglich auf 1,5 Grad zu beschränken. Dennoch sind nationale Regierungen trotz vorhandenem Wissen wenig handlungsfähig, da es mächtige Menschen, Lobbys und Konzerne gibt, die den Wandel vehement verhindern wollen, um ihre Privilegien und ihren Reichtum nicht zu verlieren. Die wachsende soziale Ungleichheit erschwert zudem den Wandel, da viele Menschen um ihr unmittelbares Überleben kämpfen müssen. Davon wiederum profitieren rechtspopulistische Parteien, deren Einfluss in Krisenzeiten erfahrungsmäßig wächst. Die bevorstehende Transformation muss also eine sozial-ökologische Transformation sein. Sie hat eine konstruktive Seite (der kreative Aufbau einer gerechteren und zukunftsfähigen Welt, in der u.a. auch Gastfreundschaft für große Zahlen von Geflüchteten gelebt wird) als auch eine konflikthafte Seite (der politische Kampf gegen die Profitinteressen einer mächtigen Minderheit und gegen Populismus als Poli-tikstil).

Unsere Vision...

Wir möchten Menschen für die Anliegen der sozialökologischen Transformation begeistern und mit ihnen Mittel und Wege erarbeiten, um sie umzusetzen.

Wir stellen in Nürnberg unser Engagement, unser Wissen und unser Zentrum als Plattform für transformative Bildung und Spiritualität sowie für politische Aktionsplanung zur Verfügung.

Wir fördern einen Dialog über Werte und deren Umsetzungsmöglichkeiten, bei dem die Perspektiven möglichst aller hier lebender Menschen und Kulturen eingebunden werden und besonders die globale Gerechtig­keit im Blick behalten wird.

Wir setzen in Zusammenarbeit mit Anderen Transformations-Prozesse in Gang, wohlwissend, dass der Weg zum Ziel Konflikte und Rückschläge beinhalten wird und wir unterwegs immer wieder dazulernen müssen.

...der klimagerechten Stadt

Diese Vision gilt es in einem lokalen Kontext zu konkretisieren. Dies möchten wir in Nürnberg versuchen. Der Wissenschaftliche Beirat für Globale Umweltveränderungen sagt in seinem Bericht zur transformativen Kraft der Städte (2016): „Die sozial-ökologische Transformationen wird in den Städten gelingen oder sie wird nicht gelingen.“ Alles deutet darauf hin, dass der Umzug von Menschen in die Städte anhalten wird – wie aber wird die Stadt der Zukunft aussehen? Im Folgenden möchten wir vom Ukama-Zentrum einen knappen Vorschlag dazu machen. Das soll keinem demokratischen Prozess vor Ort vorgreifen, sondern ein erster Schritt sein, die Fantasie anzuregen. Dabei gehen wir von fünf zu unterscheidenden Realitäten aus:

Ökologische Realität: Die klimagerechte Stadt hat viele schöne öffentliche Grünflächen, wo die Menschen gern zusammenkommen. Der Ressourcenverbrauch wurde stark gesenkt, ein großer Teil der Lebensmittel ist regional-saisonal und komplett auf Bio umgestellt. Es fahren fast keine privaten Autos mehr durch die Stadt, die Fortbewegung mit dem Fahrrad, zu Fuß oder Elektrobussen und -bahnen ist normal, die Radwege sind sehr gut ausgebaut. Alle Gebäude sind saniert und klimaneutral oder sogar Passivhäuser. Einige Elemente einer Smart City helfen, den Ressourcenverbrauch gering zu halten (z.B. durch intelligentes Wassersparen beim Bewässern der städtischen Grünflächen).

Soziale Realität: Die klimagerechte Stadt hat die Vermögens- und Einkommens-Ungleichheit stark gesenkt, die Stadtviertel sind sozial durchmischt und haben dennoch einen je eigenen Charakter. Es gibt ein reiches Vereinsleben, in dem sich Menschen engagieren, viele Initiativen der Nachbarschaftshilfe sowie Tauschbörsen, Leihplattformen und Repair-Cafés. Die Geflüchteten, u.a. aus den durch den Kli-mawandel stark gebeutelten Staaten, durchlaufen ein vereinfachtes Aufenthalts- und Asylverfahren und werden nicht nur durch die städtischen Institutionen, sondern auch von der Stadtgesellschaft gut aufgenommen. Sie erhalten vielseitige Integrationsangebote sowie Möglichkeiten, sich durch Arbeit und politisches Engagement an der Stadtentwicklung zu beteiligen. Solidarische Genügsamkeit und Bedürfnis-Gerechtig­keit sind geltende Werte. Ein 365 Euro-Ticket, das für sozial benachteiligte Menschen sogar kostenlos ist, und ein gut ausgebautes ÖPNV-Netz sorgt für eine leistbare CO2-sparende Mobilität in der Metropolregion. Die Stadt setzt Anreize für eine reduzierte Lohnarbeitszeit und ehrenamtliches kulturelles oder bürgerschaftliches Engagement, was von vielen angenommen wird und zu einer sehr lebendigen Stadtgesellschaft führt. Viele Menschen definieren sich nicht mehr über ressourcenintensiven Konsum und Statusvergleich, sondern über ihren Zeitwohlstand und ihre Lebensqualität, die u.a. durch eine intakte Natur und gelingende Beziehungen definiert wird. Ein alternativer Wohlstandsindikator zeigt an, dass es den Menschen besser geht trotz materiell geringerem Verbrauch.

Wirtschaftliche Realität: Gemäß diesem alternativen Indikator floriert die klimagerechte Stadt wirt-schaftlich, es existieren zahlreiche kleinere und mittelständische Unternehmen, die alternative Unter-nehmensformen angenommen haben (Kooperativen, Genossenschaften) und strukturell von der Stadt unterstützt werden. Es gibt auch weiterhin konventionelle und größere Firmen, doch alle Unternehmen legen regelmäßig eine Gemeinwohlbilanz vor. Regionale Wirtschaftskreisläufe werden mit öffentlichen Mitteln gefördert. Die Globalisierung wurde teilweise zurück­gebaut: Zahlreiche Industrien sind von einer Produktion im Ausland wieder in die Region zurück­gekehrt, manche Wirtschaftsbereiche sind in ihrer Bedeutung stark zurück­gegangen, andere neue sind hinzugekommen (wie etwa weiterverarbeitende Industrien im Rahmen der Kreislaufwirtschaft). Damit wurde auch die Wirtschaft im globalen Süden von der Dominanz durch den globalen Norden und von der Ausbeutung billiger Arbeitskräfte befreit und kann sich nun eigenständiger entwickeln.

Politische Realität: In der klimagerechten Stadt herrscht eine hohe politische Partizipation, die durch eine breite Palette an innovativen demokratischen Instrumenten ermöglicht wird. Menschen können sich effektiv in Veränderungs- und Anpassungsprozesse einbringen. So finden z.B. regelmäßig thematische Bürgerräte statt, die von Expert*innen unterstützt werden und die konkrete Vorschläge für den Stadtrat erarbeiten oder Beschlüsse fassen. Dadurch wurde ein neuer städtischer Gesellschaftsvertrag erarbeitet, der von der Idee der Kooperation anstelle des Wettbewerbs geprägt ist und die Sorge um die Gemeingüter beinhaltet. Ein kommunales Petitionswesen ist etabliert, um neue Initiativen von unten in Gang zu bringen. Nach einer gewissen Zeit der öffentlichen Diskussion finden Bürgerentscheide zu zentralen Fragen statt. So konnten innerhalb relativ kurzer Zeit wichtige Weichen für die urbane Transformation gestellt werden, und aufgrund der hohen Beteiligung und der ausgehandelten Kompromisse mit hohen Zustimmungsraten der Bevölkerung.

Innere Realität: Die Menschen in der klimagerechten Stadt haben das Gefühl, die Stadt für sich als Lebens- und Arbeitsraum gewonnen zu haben, sie dient den Menschen und ihrer Lebensqualität. Zugleich sehen sie sich nicht mehr als von der Natur oder Schöpfung abgetrennt, sondern als Teil dieses lebendigen Ganzen. Das einseitig individualistische und konkurrenzbasierte Menschenbild des Homo oeconomicus wurde ersetzt durch das Menschenbild der Homines relationales, die gelingende Beziehungen anstreben und sich gemeinsam mit anderen für das Gemeinwohl und eine lebbare Zukunft einsetzen. Sowohl die Einzelnen als auch die Stadt als ganze haben eine hohe Widerstands- und Anpassungsfähigkeit entwickelt, so dass sie gegen die immer wieder auftauchenden Krisen gewappnet sind. Auch wenn die Herausforderungen weiter enorm sind, sind viele Menschen mehr durch Hoffnung und Vertrauen als durch Angst motiviert. Christliche und andere Glaubensgemeinschaften und Weltanschauungen tragen je etwas Substanzielles dazu bei.

In unseren Augen ist Nürnberg mit seiner Metropoolregion exzellent geeignet, ein beispielgebender Experimentierraum für die sozialökologische Transformation zu werden, ein „Reallabor“ urbaner Transformation (WBGU). Deshalb investieren wir mit unserem Ukama-Zentrum für sozial-ökologische Transformation in diesen Standort.

Künftige Arbeitsschwerpunkte

Um den Weg zu dieser Vision zu unterstützen, möchten wir bei unserer Arbeit mittelfristig die folgenden drei Schwerpunkte setzen:

  • Förderung von transformativen Bildungsprozessen: Es geht um Wissen und Kompetenzen für einen wünschenswerten Wandel. Übergeordnetes Leitbild könnte Uwe Schneidewinds Konzept der „Zukunftskunst“ sein (nachhaltige Entwicklung als chancenreiches Menschheitsprojekt) und als Strukturierung der zentralen Lerninhalte können die „sechs Eingangstüren in die Große Transformation“ des Campus de la Transition, Frankreich, gelten. Es geht um eine breit angelegte Bewusstseinsbildung und Befähigung zum transformativen Handeln. Wir freuen uns über Partnerschaften mit Schulen und anderen Bildungs-Akteur*innen, die hierzu arbeiten möchten. Die Formate können von Vorträgen über ganz- oder mehrtätige Workshops bis hin zu größeren Aktionen oder Langzeitprojekten gehen.
  • Förderung einer Spiritualität der Transformation: Unabhängig davon, ob man einer Religions-gemeinschaft angehört oder nicht, stellen sich viele Fragen in Bezug auf unser Selbstverständnis als Menschen, die wir Teil eines größeren Ganzen sind, und auf die Sinndimension unserer Exis-tenz, sowie Fragen nach förderlichen Haltungen, um einen tiefgreifenden Wandel selbst zu durchleben und ihn bei anderen zu ermutigen. Das schließt auch den Umgang mit Klima-Angst (Eco Anxiety), einen vertieften Zugang zu Natur/Schöpfung und eine Spiritualität des gewaltlosen Widerstands ein. Wir bringen uns hier ausgehend von der christlichen Tradition und der Psychologie ein und sind interessiert am Dialog mit anderen Ansätzen und Traditionen.
  • Förderung transformativer politischer Partizipation: Wir wollen gemeinsam mit anderen praktikable Lösungen entwickeln, die eine Hebelwirkung anzielen (etwa durch Bürgerräte, Bürgerentscheide, innovative demokratische Instrumente) und das Machtgefälle zwischen Wirtschaft und Politik umkehren, lokal und darüber hinaus. Es geht um demokratisch legitimierte Ermöglichungspolitik, damit genügsame Lebensstile und wünschenswerte Strukturveränderungen in Recht, Gesellschaft und Wirtschaft (etwa Kreislaufwirtschaft, Gemeinwohlorientierung) flächendeckend möglich werden. Zentral sind dabei sowohl der Dialog transformativer Akteur*innen untereinander als auch der Dialog mit Wissenschaftler*innen unterschiedlicher relevanter Disziplinen, nicht nur zur Problemanalyse, sondern auch zur Erarbeitung funktionaler Lösungen. Klassische (Bürger-)Lobbyarbeit, Petitionen und Gespräche mit Abgeordneten und Stadtverwaltung sind dabei konkrete Vorgehensweisen.

Um die Herausforderung des Jahrhunderts anzugehen, wollen wir uns für einen wertebasierten und radikalen Wandel einsetzen. Wenn Sie diesen Traum mit uns teilen, lassen Sie uns gemeinsam daran arbeiten!

Diese mittelfristige Perspektive können auch wir nur schrittweise angehen, in dem Maß, wie wir Kapazitäten und Ressourcen dafür freibekommen. Was wir unter dieser Maßgabe als erste Schritte bereits angehen, sehen Sie hier.