„Jedes meiner Bedürfnisse kann mich in Beziehung bringen“

„Die Welt ist (…) ein Gewebe von Beziehungen“ (Franziskus, Laudato si' 240)

In der Enzyklika Laudato-si‘ thematisiert der damalige Papst Franziskus, welche Bedeutung das In-Beziehung-Sein zu anderen Menschen und zur Schöpfung für den einzelnen Menschen hat. Er schlägt ein relationales Denken und Handeln vor. Doch wie lässt sich dieses beziehungshafte Denken, Wahrnehmen und Handeln einüben?

Bei der letzten Laudato-si‘-Werkstatt „Transformation auf Ignatianisch“ Mitte Februar warb Judit Bartel dafür, unsere menschlichen Grundbedürfnisse als einen Schlüssel zu nutzen, der uns in lebendige Beziehung zu anderen Menschen und zur Schöpfung bringen kann. (Link zum Impuls)

Doch was sind Bedürfnisse? Anders als im neoliberalen Verständnis sind Bedürfnisse aus humanistischer Sicht das, was Menschen zum Leben und Wohlbefinden brauchen. Als Menschen haben wir physische, soziale und spirituelle Grundbedürfnisse. Ist für diese Bedürfnisse ausreichend gesorgt, fühlen wir uns wohl. Um für Bedürfnisse zu sorgen, sind wir angewiesen auf andere Menschen und die Schöpfung.

Was heißt es für uns, in guter freundschaftlicher Beziehung zu einem anderen Menschen zu sein? Judit Bartel nannte diese Aspekte: Wir wissen umeinander und schätzen uns. Ich respektiere die Grenzen meines Gegenübers. Ich möchte, dass es meinem Gegenüber gut geht und versuche im Rahmen meiner Möglichkeiten dazu beizutragen.

Wie können wir das, was uns beim In-Beziehung-Sein mit anderen Menschen selbstverständlich ist, auch in Beziehung zur mehr-als-menschlichen Welt einüben? Permakultur kann uns hier Impulse bieten: Wertschätzen wird erst möglich, wenn ich die Entstehensgeschichten kenne, die zum Beispiel hinter meiner Nahrung stehen. Wertschätzen heißt auch, die vorhandenen Ressourcen durch Nutzungskaskaden mehrfach zu nutzen, also für etwas, was eigentlich Abfall wäre, den nächstbesten Gebrauch zu finden. Beispiele sind Speisepilze auf Kaffeesatz zu züchten oder Regenwasser für die Toilettenspülung zu nutzen.

Wenn ich in Beziehung bin, ist es mir ein Anliegen, mein Gegenüber nicht zu überfordern. Dies kann ich jedoch nur, wenn ich die Grenzen meines Gegenübers auch kenne. Sie sind in lokalen Versorgungskreisläufen leichter wahrnehmbar als in globalen. Als Teil einer Solidarischen Landwirtschaft bekomme ich ganz unmittelbares Feedback, wieviel es gerade von welchem Nahrungsmittel gibt und kann meinen Speiseplan entsprechend anpassen.

Judit Bartels Impuls endete mit der Frage, ob wir durch die Art und Weise, wie wir uns um unsere Bedürfnisse kümmern, zu mehr Lebensmöglichkeiten auf der Erde beitragen können. Sie brachte das Beispiel von Agroforstsystemen, in denen einerseits Nahrung auf dem Feld und auf Bäumen angebaut wird, in denen andererseits die Bäume viele weitere Benefits – wie CO2-Speicherung, Humusaufbau, Erosionsschutz, Lebensräume – in die landwirtschaftlichen Ökosysteme bringen.

Der anschließende Austausch berührte unter anderem diese Fragen und Aspekte:

Menschen sind als Spezies vorangekommen, indem sie Grenzen gepusht haben. Wie können wir unterscheiden, welche Grenzen respektiert werden müssen und wo es sinnvoll ist, Grenzen zu pushen?

Der Blick auf Beziehungen ist hilfreich – denn wenn Menschen heute an etwas ärmer sind als früher, dann an lebendigen Beziehungen. Beziehungen zu pflegen ist auch ein zentraler Aspekt ignatianischer Spiritualität.

Wie kann ein Bedürfnisverständnis, bei dem es ein „Genug“ gibt, übereingehen mit einem Menschenbild, in dem Menschen auch eine unstillbare Sehnsucht nach Gott haben?

Interessant ist der Fokus darauf, Dinge zu finden, mit denen mehrere Bedürfnisse gleichzeitig erfüllt werden können – wie das gemeinsame Mittagessen, das neben dem Bedürfnis nach Nahrung, auch das nach Verbindung, Kontakt und Zugehörigkeit erfüllt.